Aktuelles Übersicht

Spinal Cord Stimulation (SCS) / Rückenmarkstimulation in der interventionellen Schmerzmedizin

Die spinale Neurostimulation (Spinal Cord Stimulation, SCS) stellt ein etabliertes, minimalinvasives und reversibles Verfahren der Neuromodulation dar. Das primäre Therapieziel besteht darin, chronisch-neuropathische Schmerzsignale auf spinaler Ebene (Hinterstränge) durch gezielte elektrische Impulse modulatorisch zu hemmen, um die zentrale Schmerzverarbeitung positiv zu beeinflussen.
Der traditionelle SAMM-Kongress findet jeweils Ende November im Congress Kursaal Interlaken statt.
1. Stimulationsformen und Wirkmechanismus

Moderne SCS-Systeme nutzen unterschiedliche Stimulationsparadigmen zur Schmerzmodulation:

  • Klassische (tonische) Niederfrequenz-Stimulation erzeugt programmierte, niedrigfrequente Impulse, die zu einer bewussten Abdeckung des Schmerzareals mittels sanfter Kribbelparästhesien führen.
  • Höherfrequente & Burst-Stimulation wirken im parästhesiefreien Bereich. Schmerzsignale werden über modifizierte Frequenzmuster (z. B. High-Frequency mit bis zu 10 kHz oder Burst-Muster und DTM) subperzeptiv und ohne Kribbelphänomene gehemmt.
2. Indikationsstellung

Die SCS-Therapie kommt für Patientinnen und Patienten mit therapierefraktären, chronischen Schmerzsyndromen in Betracht, bei denen leitliniengerechte konservative, medikamentöse und primär-chirurgische Optionen ausgeschöpft sind.

Hauptindikationen:

  • Persistent Spinal Pain Syndrome Typ 2 (PSPS Typ 2, vormals Failed Back Surgery Syndrome / FBSS) – therapierefraktäre Schmerzen nach Wirbelsäulenoperationen
  • Komplexes Regionales Schmerzsyndrom (CRPS Typ I & II)
  • Periphere und zentrale neuropathische Schmerzen (z. B. nach Nervenläsionen, Radikulopathien)
  • Ischämisch bedingte Schmerzsyndrome bei peripherer arterieller Verschlusskrankheit (pAVK) oder therapierefraktärer Angina pectoris
3. Selektionskriterien und Interdisziplinäres Board

Eine sorgfältige Patientenselektion ist entscheidend für den Therapieerfolg. Alle potenziellen Kandidaten sollten eine interdisziplinäre Evaluation unter Einbezug der Fachdisziplinen Schmerzmedizin, Neurochirurgie, Neurologie und Psychosomatik/Psychiatrie durchlaufen. Die finale Indikationsstellung und Patientenevaluation erfolgen standardisiert.

4. Klinischer Ablauf des zweistufigen Verfahrens mit Testphase und Implantation

Ein wesentlicher klinischer Vorteil der SCS ist die vollständige Reversibilität, die durch ein sequenzielles, zweistufiges Vorgehen gesichert wird.

 

Phase 1: Die perkutane Testphase (SCS Trial)

  • Prozedur: Unter sterilen Bedingungen, Lokalanästhesie und Durchleuchtungskontrolle (BV) werden die temporären Stimulationselektroden in den epiduralen Raum eingebracht. Mittels intraoperativer Teststimulation wird die anatomische Abdeckung des Schmerzareals verifiziert. Die Elektroden werden anschliessend perkutan ausgeleitet und an einen externen Impulsgenerator (IPG) angeschlossen.
  • Hospitalisation & Verlauf: Nach zumeist einer Übernachtung zur postoperativen Überwachung erfolgt die Entlassung in die ambulante Testphase. Teils erfolgt der Eingriff auch rein ambulant.
  • Dauer & Monitoring: Das SCS Trial dauert 1 bis maximal 4 Wochen. Es erfolgen regelmässige ambulante Kontrollen zur Wundversorgung, zum Verbandswechsel sowie zur Feinjustierung der Stimulationsparameter.
  • Evaluationskriterium: Als klinisch positives Ansprechen (Validierung für Phase 2) gilt eine signifikante Schmerzreduktion (üblicherweise Größer-gleich 50 %), gepaart mit einer nachweisbaren Verbesserung der funktionellen Alltagsmobilität und der Lebensqualität. Bei Non-Respondern werden die Elektroden in Lokalanästhesie unkompliziert explantiert.

 

Phase 2: Die definitive Implantation

Bei verifiziertem Therapieerfolg während des Trials wird in einem zweiten, kurzen operativen Eingriff das definitive System implantiert. Die permanenten Elektroden werden mit dem eigentlichen Neurostimulator (dem implantierbaren Impulsgenerator inkl. Batterie) verbunden, welcher subkutan (meist gluteal oder im Abdominalbereich) in einer operativ präparierten Gewebetasche platziert wird.

5. Komplikationsmanagement und Risikoprofil

Obwohl das Verfahren im Vergleich zu destruktiven Wirbelsäuleneingriffen ein günstiges Risikoprofil aufweist, müssen spezifische peri- und postoperative Komplikationen differenzialdiagnostisch beachtet werden:

  • Mechanische Komplikationen: Elektrodenmigration/Dislokation (häufigster Grund für Revisionen in der Frühphase), Elektroden- oder Kabelbruch, Konnektivitätsprobleme zwischen Elektrode und IPG.
  • Biologische Komplikationen: Infektionen (Schnitt- oder Tascheninfektionen, im Verlauf selten Epiduralabszesse oder Meningitiden), epidurale Hämatome/Blutungen (mit dem Risiko neurologischer Defizite bis hin zur Querschnittsymptomatik, die eine sofortige neurochirurgische Dekompressionsindikation darstellen).
  • Systemspezifische Probleme: Lokaler Schmerz im Bereich der IPG-Tasche, vorzeitige Batterieerschöpfung oder technischer Systemdefekt, schleichender sekundärer Wirkungsverlust (Tachyphylaxie/Gewöhnungseffekt).
Autor
Dr. med. Jan Ludwigs
Institut für Interventionelle Schmerzmedizin SZ AG - ISSZ

Weitere Artikel

Der traditionelle SAMM-Kongress findet jeweils Ende November im Congress Kursaal Interlaken statt.
Spinal Cord Stimulation (SCS) / Rückenmarkstimulation in der interventionellen Schmerzmedizin

Mehr erfahren

Arzt in Operationskleidung bei der Vorbereitung auf einen medizinischen Eingriff im Operationssaal
Nackenschmerzen

Mehr erfahren

Zurück zur Übersicht